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Von Michael Power, Stratege bei Investec Asset Management

Die BRIC-Idee feierte 2016 ihren 15. Geburtstag. Aber ist das überhaupt ein Grund zum Feiern? Was ist eigentlich aus dem Konzept geworden?

Mittlerweile ist weit über die Finanzbranche hinaus bekannt, dass BRIC eine Kategorie darstellt, die die vier Länder Brasilien, Russland, Indien und China beinhaltet. Auf diese Idee kam einst Jim O’Neill, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs. Seine Überlegungen fußten auf Gemeinsamkeiten dieser Länder: Bevölkerungsreichtum, eine aufstrebende Wirtschaft und vor allem eine hohe Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts zwischen 5 bis 10 Prozent. Damit galten diese für Investoren als besonders interessant. Denn die entwickelten Staaten des Westens wiesen im Vergleich dazu eine geradezu bescheidene Wachstumsrate von 2 Prozent auf. 2003 veröffentliche O’Neill eine Studie mit dem Titel „Dreaming with the BRICs“, die euphorisch angenommen wurde. Damals sah man diese als den Wachstumsmotor der Emerging Markets. Die BRIC-Staaten profitierten sofort von dieser Welle und Aktien und Anleihen aus diesen vier Ländern erfreuten sich starker Nachfrage.

Das Bemerkenswerte an dieser Idee war, dass sie rasch über die Welt des Investmentbankings hinausging und sogar Staats- und Regierungschefs zusammenbrachte. Diese treffen sich seit 2009 regelmäßig in einem dieser vier Länder und tauschen dort Informationen aus. BRIC wurde schließlich zu einem Netzwerk. 2011 trat Südafrika hinzu, das sich den ursprünglichen BRIC-Staaten verwandt fühlte und so entstand BRICS. Ein bemerkenswertes Ereignis war schließlich die Gründung der New Development Bank auf einem dieser Treffen, die zur Finanzierung von Großprojekten beitragen sollte. Schließlich wurde aus der Investmentidee eine politische und identitätsstiftende Bewegung.

 

Länder-Scrabble: Die Idee wurde beliebig.

Die BRICS-Treffen zeigten allerdings auch gewaltige Unterschiede auf: Verschiedene politische Systeme, unterschiedliche Wirtschaftskulturen, andere Traditionen und geospezifische Besonderheiten führten dazu, dass die Strahlkraft der BRIC-Idee langsam verblasste. Die heterogene Entwicklung der Länder brachte immer wieder alternative Gruppierungen um die BRICS-Staaten herum ins Spiel, bei denen einige Staaten weggelassen und andere hinzugefügt wurden: BRIICS (Brasilien, Russland, Indien, Indonesien, China, Südafrika), BRIKT (Brasilien, Russland, Indien, Korea, Türkei) oder BRICSAM (Brasilien, Russland, China, Südafrika, ASEAN-Länder, Mexiko) – um nur einige Beispiele zu nennen. 2013 schien sich O’Neill selbst ein wenig von seiner BRICS-Idee verabschiedet zu haben, indem er konkurrierend dazu MINT vorstellte: Eine Gruppe, die die Länder Mexiko, Indonesien, Nigeria und die Türkei in sich vereinte. Kritik erntete O’Neill dafür von anderen Volkswirten, wie es auch für BRIC und BRICS nie an Kritik fehlte: Eine Begrenzung des Anlageuniversums auf bestimmte Staaten, sei es BRIC oder MINT sei viel zu eng und zu riskant, urteilten Experten. Da letztendlich kein Staat dem anderen gleiche, macht eine solche Kategorisierung letzten Endes wenig Sinn, distanzierten sich Viele von O’Neills Idee.

Nimmt man die vier BRIC-Staaten unter die Lupe, werden sehr schnell auf fundamentale Unterschiede sichtbar. Vor allem zwei Faktoren sind es, in denen sich all diese Länder voneinander stark unterscheiden: In rohstoffexportierende Länder auf der einen und produktionsorientierte Länder auf der anderen Seite und schließlich in Staaten mit einem Haushaltsüberschuss bzw. einem Haushaltsdefizit. Da gibt es mit Brasilien und Russland zwei Rohstoffproduzenten, Russland hat jedoch einen Haushaltsüberschuss, während Brasilien zuletzt Defizite erwirtschaftete. Indien und China hingegen sind eher Produktionsstandorte. Jedoch hat China einen Haushaltsbilanzüberschuss, Indien ein Defizit. All diese Faktoren wirken auf die Stabilität der Währung, den Arbeitsmarkt und die Kreditwürdigkeit der BRIC-Staaten ein.

 

BRIC

 


Diese Abbildung veranschaulicht, dass Größe und Bevölkerungszahl kaum ausreichen, um daraus eine Investmentidee abzuleiten. China und Indien, die sich in den letzten Jahren vor allem politisch stabil entwickelt haben, weisen mittelfristig ein hohes Wachstumspotential auf, während die Perspektiven für Brasilien und Russland deutlich eingetrübt sind. Brasilien befindet sich auf einem aktuellen Tiefpunkt, von dem aus es eigentlich nur noch aufwärts gehen kann. Allerdings muss sein neuer Präsident Temer erst noch zeigen, dass er besser wirtschaften kann, als seine Vorgänger. Russland indes schürt vor allem außenpolitisch Konflikte und gefährdet damit Handelsbeziehungen.

 

Die einzelnen Aussichten:

 

Brasilien:

Die zwischen 2003 und 2016 regierende Arbeiterpartei manövrierte das Land in eine Wirtschaftskrise. Massive Sozialprogramme kurbelten die Konjunktur über den Konsum an. Die Transferzahlungen belasteten jedoch den Haushalt dermaßen, dass die negativen Rückkopplungen letztlich zu einer schrumpfenden Wirtschaft – gemessen in US Dollar – und steigenden Arbeitslosenzahlen führten. Hinzu kamen Korruptionsskandale sowohl während der Amtszeiten von Lula da Silva als auch von Dilma Rousseff. Wenig wurde hingegen in die Infrastruktur investiert. An dem als wirtschaftsliberal geltenden Präsidenten Michel Temer sind nun große Hoffnungen geknüpft. Vor allem wird von ihm eine wirksame Bekämpfung der Korruption erwartet.

 

Russland:

Als erdölexportierendes Land leidet Russland vor allem unter dem niedrigen Ölpreis. Aber auch die Embargos haben Russland geschwächt. Die Wirtschaft leidet unter einer Kreditklemme, die Investitionslaune ist stark getrübt. Hoffnungen auf einen Aufschwung sind mit einem steigenden Ölpreis verbunden, der mindestens bei 60 Dollar pro Barrel notieren müsste. Die heimische Industrie ist auf dem Weltmarkt kaum wettbewerbsfähig und kann die vom Ölpreis gerissene Lücke im Staatshaushalt nicht schließen. Daher sieht es mittelfristig nicht danach aus, dass sich Russland von seiner holländischen Krankheit kurieren könnte. Auch außenpolitisch isoliert sich Russland zunehmend, was sich negativ auf die Handelsbeziehungen auswirkt.

 

China:

China entwickelt sich in einem fundamentalen Übergang von einer investitionsgetriebenen hin zu einer konsumorientierten Volkswirtschaft, was auf Dauer mehr Stabilität verspricht. Der Prozess verläuft nicht geradlinig und ist immer wieder von Störungen unterbrochen. Momentan stottert der Wachstumsmotor ein wenig. Aktuell beträgt die offizielle Wachstumsprognose 6,5 Prozent, eine Zahl, die Experten deutlich nach unten korrigieren. In der Vergangenheit fielen besonders Regionalverwaltungen durch finanzielle Fehlallokationen auf, was zu einem Immobilienüberangebot und Leerstand geführt hat. Positiv ist die Zunahme der Reisetätigkeit, ein Indikator für eine größer und wohlhabender werdende Mittelschicht.

 

Indien:

Am positivsten hat sich Indien entwickelt. Von allen BRIC Staaten entwickelte sich der Subkontinent besser, als in der Dekade davor. Zudem scheint die Regierung das Haushaltsproblem in den Griff zu bekommen. Mit Automobilbau, IT und Pharmaindustrie gibt es drei Industriezweige, in denen indische Unternehmen im globalen Wettbewerb immer stärker mitmischen. Das von Premierminister Narendra Modi 2014 vorgestellte „Make in India“-Programm setzt weitere Anreize für die heimische Industrieproduktion. Den in Indien ausgeprägten Föderalismus konnte Modi für einen Wettbewerb der Bundesstaaten nutzbar machen, der ausgesprochen positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung wirkte. So hat der Bundesstaat Gujarat durch Steuerreformen und Investitionsanreize ein wirtschaftsfreundliches Klima geschaffen, das hoffentlich Schule machen wird.

 

Fazit:

O’Neills Idee, vier Länder in eine Kategorie zu vereinen und ihr das Etikett „BRIC“ anzuheften, hat zunächst großes Aufsehen erzeugt und es tatsächlich geschafft, dass diese vier Länder dauerhaft an einem Tisch sitzen. Die New Development Bank besteht auch heute noch und zeigt, dass BRIC mehrals ein Papiertiger ist. Doch die anfängliche Euphorie ist verflogen, auch weil die politische und wirtschaftliche Entwicklung sehr unterschiedlich verlief. Was vor 15 Jahren scheinbar zusammengehörte, passt heute nicht mehr zusammen, so dass festzuhalten bleibt, dass BRIC als Investmentidee der Vergangenheit angehört. Auch Einzelinvestments, beispielsweise in Indien können keine Alternative sein, zu groß wäre dabei das Klumpenrisiko. Sinnvoller ist stattdessen ein umfassender Emerging-Markets-Ansatz, der basierend auf einer umfassenden Analyse die individuellen makroökonomischen Faktoren der einzelnen Länder stärker berücksichtigt.

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Gastautor: Michael Power

Michael Power ist Stratege bei Investec Asset Management

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