wrapper

Breaking News

Archie Hart, Fondsmanager bei Investec Asset Management

Wahrscheinlich ist die strittigste Debatte zum Thema Schwellenländer die über die Zukunft Chinas. Die Positionen reichen weit auseinander. Die einen karikieren China als eine durch Investitionen in Infrastruktur und Immobilien aufgepumpte Blase. Andere meinen, dass die Aussichten viel differenzierter seien, als es uns die redegewandten Hedgefonds-Manager glauben machen wollen.

Während Investoren laut über Chinas Zukunft nachdenken, haben sich die Märkte dramatisch gewandelt. Für die Mehrheit der Investoren sieht China heute ganz anders aus, als das vor nur 18 Monaten der Fall war. Was meinen wir damit? Ganz konkret hat sich die Zusammensetzung des Vergleichsindexes MSCI China Index durch die MSCI Entscheidung, erstmals nicht in Hong Kong gelistete chinesische Internetaktien (insbesondere Baidu und Alibaba) in seine China-Indizes aufzunehmen, signifikant verändert. Internetaktien repräsentierten Ende 2014 noch neun Prozent des MSCI China Index. Nun sind sie sogar mit 33 Prozent vertreten. Dies ist eine dramatische Veränderung, wie China in den meisten Benchmarks der Investoren erfasst wird.

Die dominierenden chinesischen Internet-Unternehmen, unter der gemeinsamen Abkürzung 'BAT' bekannt, sind Baidu, Alibaba und Tencent. Baidu wird als Chinas 'Google' gesehen. Alibaba ist Chinas größter E-Commerce-Händler und damit das Pendant zu Amazon. Tencent wiederum betreibt Chinas soziales Netzwerk, ähnlich wie Facebook für die restliche Welt. Diese drei Unternehmen sind meilenweit von den eher traditionellen Staatsunternehmen entfernt, die vorher Chinas Indizes beherrschten. Es sind dynamische und risikofreudige Unternehmen, die Investoren erhebliche Wachstumspotenziale bieten. Die Alibaba-Marktplätze Taobao (Privatkunde zu Privatkunde) und Tmall (Geschäftskunde zu Privatkunde), die die Phantasie der chinesischen Verbraucher beflügelt haben, sowie Tencents WeChat (eine Kombination aus Messaging-App und sozialem Netzwerk) sind rein chinesische Produkte und Ergebnisse der Kultur Chinas, die im Ausland entwickelten Produkten letztendlich nur wenig ähneln.

Allerdings ist, wie bei vielen privaten Unternehmen Chinas, ein potenziell großer Ertrag mit einem potenziell großen Risiko verbunden. Wie bekommen also Ausländer die Erlaubnis zu investieren? Dies ermöglicht eine Konstruktion namens 'VIE', der Variable Interest Entity. Diese Konstruktion belässt das Eigentum am Vermögenswert faktisch in chinesischen Händen, überträgt aber das wirtschaftliche Interesse mit Hilfe einer Reihe von Verträgen an das gelistete Unternehmen, damit Ausländer investieren dürfen.

Von den drei Unternehmen hat Alibaba vielleicht den bekanntesten Namen, nicht zuletzt auch wegen seines charismatischen und visionären Gründers Jack Ma. Seit seiner Trennung von Alibaba ist Alipay zur Drehscheibe eines breiter angelegten Finanzdienstleistungsgeschäftes geworden, das privat von Ma entwickelt wurde und jetzt Ant Financial Services heißt. Einer der interessantesten Aspekte der BAT-Unternehmen sind die Governance-Regelungen, die mehr auf dem amerikanischen als auf irgendeinem chinesischen Einfluss basieren. Damit meinen wir die Vergütung ihrer Manager und Führungskräfte. Wie Warren Buffett so einprägsam und richtig sagte: "Wenn die Optionen nicht eine Form der Entlohnung sind, was sind sie dann? Wenn Entlohnung kein Kostenfaktor ist, was ist es dann? Und wenn Kosten nicht in die Berechnung des Gewinnes einfließen sollen, wo in aller Welt sollen sie dann vermerkt werden?"

Im Fall von Baidu und Tencent beliefen sich die aktienbasierten Vergütungen im letzten Geschäftsjahr auf 7 - 11 Prozent des operativen Ergebnisses und 2 - 3 Prozent des Umsatzes. Erstaunlicherweise betrugen sie bei Alibaba 36 Prozent des operativen Ergebnisses und 16 Prozent des Umsatzes. Die aktienbasierte Vergütung pro Arbeitnehmer war bei Alibaba 13-mal so hoch wie bei Baidu und fast 5-mal so hoch wie bei Tencent.

So ähneln einige der zentralen Governance-Themen im chinesischen Internetbereich denen, mit denen unsere Kollegen konfrontiert werden, die in Unternehmen am US-Aktienmarkt investieren. Als Bottom-Up-Investoren finden wir den chinesischen Markt aufgrund seiner Vielfalt an Unternehmen sehr interessant. Die chinesische Volkswirtschaft wird unweigerlich gute und schlechte Zyklen erleben, mit entsprechenden Auswirkungen auf die dortigen Notierungen. Das beständige Tempo der Veränderungen bietet dem aktiven Investor immer wieder zahlreiche Investitionsmöglichkeiten, erst recht dann, wenn der Kapitalmarkt tiefer wird.

Schlagwörter
Gastautor: Archie Hart

Archie Hart ist Portfoliomanager und Konsumgüterspezialist im Global Equity Team. Außerdem ist er der leitende Portfoliomanager für die Emerging Markets Strategie. Seit 2008 arbeitet er für Investec Asset Management. Davor war Archie Hart für WestLB und Deutsche Bank tätig. Lange Zeit war er als Head of Research in Hong Kong tätig. Archie Hart studierte an der University of Sheffield Betriebswirtschaftslehre. Das Studium schloss er 1986 ab.

Anzeige