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Florian Schulz, Emerging Markets Trader

Das teuerste Solarunternehmen der Welt war bis vor kurzem nicht etwa einer der etablierten Marktführer. Und nicht die Aktien von First Solar, JinkoSolar oder Trina haben sich innerhalb eines Jahres um 900 Prozent verteuert, sondern die Titel eines chinesischen Außenseiters – nämlich des Dünnfilm-Anbieters Hanergy Thin Film Power.

Im Frühjahr war Hanergy an der Börse teilweise mehr als 40 Milliarden US-Dollar wert. Das ist mehr als das Achtfache des Börsenwerts der fünf größten Solarkonzerne zusammen. Und das, obwohl Hanergys Anteil am globalen Modulmarkt bisher nahezu bei Null liegt.

 

Rechtzeitige Warnung vor dem Kurseinbruch

Am 20. Mai war der Anlegertraum allerdings ausgeträumt. Noch während in Hongkong die Hauptversammlung abgehalten wurde, brach die Hanergy-Aktie innerhalb von Minuten um 47 Prozent ein. Anschließend wurde der Wert vom Handel ausgesetzt. Und das ist bis heute so.

Anfang Mai hatte ich das Unternehmen noch im Emerging Markets Trader besprochen. Ich schrieb unter anderem: „Bei dieser Aktie läuten sämtliche Alarmglocken“. Zwar ist Hanergy nicht zwingend ein Beispiel für einen klassischen chinesischen Anlegerbetrug. Die Bewertung der Aktie war allerdings jenseits von Gut und Böse. Und es stellt sich im Nachhinein die Frage, wie es ausgerechnet Hanergy schaffen konnte, einen solchen absurd hohen Börsenwert zu erzielen.

Hanergy Thin Film Power wurde von dem chinesischen Multimillionär Li Hejun gegründet, der vorher ein Vermögen im chinesischen Wasserkraftsektor gemacht hat. Li schrieb es sich auf die Fahnen, der Dünnschicht-Solartechnik zum Durchbruch zu verhelfen, und er kaufte sich zu diesem Zweck ein Sammelsurium kleinerer Solarforschungs-Unternehmen zusammen (unter anderem die ehemalige Q-Cells-Tochter Solibro aus Thalheim). Durchschlagende Erfolge bei den Kosten und beim Wirkungsgrad blieben bisher aber aus. Hanergy Thin Film generiert zwar ordentlich Umsätze. Der Großteil der Bestellungen kam zuletzt aber (direkt und indirekt) vom nicht börsennotierten Mutterkonzern Hanergy Group.

 

Erste Phase: Wenig Streubesitz und kaufwütige Chinesen

Dass die Aktie trotzdem eine derart hohe Marktkapitalisierung erreichte, hat mehrere Gründe. Zunächst befand sich der Großteil der Papiere durchgehend in der Hand des Gründers Li Hejun, der in den Monaten vor dem Absturz auch immer wieder noch zukaufte. Die verfügbaren Papiere waren also knapp, und dem CEO schien auch die astronomisch hohe Bewertung nicht von Käufen abzuhalten (Inzwischen prüft die US-Börsenaufsicht SEC offenbar, ob Li den Kurs damit bewusst nach oben getrieben hat).

Der zweite Grund für die Kursexplosion war die Öffnung der Hongkonger Börse für chinesische Inlandsanleger im vergangenen Herbst. Aus irgendeinem Grund erkoren die chinesischen Anleger die Hanergy-Aktie zu einem ihrer Lieblingstitel. Schließlich wussten die meisten Chinesen um die ehrgeizigen Solarpläne ihrer Regierung, und Hanergy sah wohl aus chinesischer Kleinanlegersicht besonders innovativ und zukunftsträchtig aus.

 

Zweite Phase: Die ETFs steigen massiv ein

Am unheimlichsten war aber die letzte Phase von Dezember 2014 bis Mai 2015, in der Hanergys Börsenwert von ohnehin bereits ambitionierten 10 Milliarden Dollar auf dann über 40 Milliarden Dollar anschwoll. Zwar dürften dazu auch die „Momentum-Trader“ beigetragen haben, die auf den fahrenden Zug aufsprangen. Die entscheidende Rolle spielten in dieser Phase aber offensichtlich einige börsennotierte Solar-ETFs, die nun dazu gezwungen waren, sich ihrerseits massiv mit Aktien des bereits heillos überbewerteten Unternehmens einzudecken.

Besonders mit Käufen hervorgetan haben sich dabei zwei Vehikel, die in den USA sehr populär sind: Der Guggenheim Solar ETF und der Market Vectors Solar Energy ETF. In beiden Fonds war Hanergy im Mai naturgemäß die am stärksten gewichtete Aktie. Dementsprechend brach der Guggenheim Solar ETF am 20. Mai um 8 Prozent ein, der Market Vectors Solar Energy ETF rutschte um 7 % ab.

Aber auch einige breiter investierende ETFs, die etwa den MSCI China Index und den FTSE Asia Pacific Index abbilden, waren am Ende ordentlich bei dem überbewerteten Solarunternehmen investiert. Zu den größten Anteilseignern bei Hanergy gehörten im Mai unter anderem die Fondsriesen BlackRock und Vanguard – und beide Vermögensverwalter haben dieses fatale Engagement ihrer ETF-Sparte zu verdanken.

 

Ein echter Teufelskreis

Der Mechanismus ist klar: ETFs bilden einen bestimmten Markt oder Sektor „passiv“ ab. Je höher ein einzelner Titel dort aufgrund seines Börsenwerts gewichtet ist, desto mehr Anteile müssen sich auch die ETFs zulegen, um den Zielsektor adäquat abzubilden. Im Fall von Hanergy führte das aber dazu, dass eine ohnehin schon extrem überbewertete Einzelaktie von den völlig wertfrei investierenden Passivfonds schließlich bis ins Wahnwitzige aufgepumpt wurde.

Angesichts der Tatsache, dass die ETF-Branche weiter boomt, wirft das Beispiel Hanergy einige beunruhigende Fragen auf. Natürlich sind passive Indexfonds eine gute und preiswerte Möglichkeit, in einen bestimmten Markt oder Sektor zu investieren. Und es mag schon sein, dass es den meisten Fonds-Managern auf Dauer nicht gelingt, ihren Vergleichsindex zu schlagen. Allerdings ist wohl kaum einem erfahrenen und „aktiv“ investierenden Solarfonds-Manager der Fehler unterlaufen, die Hanergy-Aktie noch im Mai zu Kursen von über 90 US-Cents zu kaufen. Die passive Anlagestrategie, den Solarsektor einfach gleichgewichtet nachzuhandeln, war also nicht besonders clever.

Definitionsgemäß investierten ETFs passiv, das heißt ohne jegliche Wertung und Überzeugung. Allein schon dieser Ansatz stößt nicht bei jedem Anleger auf Gegenliebe. Viel problematischer ist aber, dass die wachsende Dominanz der ETF-Vehikel jegliche Art von Übertreibungen begünstigt (sei es nach oben oder nach unten). Durch ihren passiv-automatisierten Anlagemechanismus beginnen sie zunehmend, die Märkte und Sektoren zu verzerren, die sie eigentlich nur abbilden sollten. Und je mehr sich der Siegeszug der ETFs fortsetzt, umso stärker wird dieser marktverzerrende Einfluss.

In meiner aktuellen Solar-Spezialstudie stelle ich eine Aktie vor, die ich für den heißesten Kandidaten für die künftige Marktführerschaft im Solarsektor halte. Ich habe diesen Solarwert – ganz unzeitgemäß – einer intensiven Prüfung unterzogen, und ich lege ausführlich die Gründe dar, warum ich die Aktie für deutlich unterbewertet halte. An dieser Stelle kann ich schon so viel verraten: Es handelt sich bei meinem Solar-Favoriten nicht um die Aktie von Hanergy Thin Film Power.


Viel Erfolg bei der Geldanlage wünscht Ihnen


Ihr
Florian Schulz


Chef-Redakteur Emerging-Markets-Trader
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Gastautor: Florian Schulz

Florian Schulz ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Emerging Markets. Als Chefredakteur des Emerging Markets Trader beleuchtet er die Entwicklungen und Chancen auf dem chinesischen und osteuropäischen Markt.

www.emerging-markets-trader.de

 

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