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Nächstes Jahr stehen in Südafrika Wahlen an. Sie werden wohl richtungweisend sein für das weitere Geschick des Landes, welches mehr und mehr um seine Wachstumschancen fürchten muss. Denn Südafrika ist von Problemen gebeutelt. Sie kommen von außen, aber mehr noch von der inneren Zerstrittenheit seiner politischen Kräfte.

Der ANC ist immer noch die dominierende Partei des Landes und wird auch bei der nächsten Wahl kaum um die Regierungsgewalt fürchten müssen. Nur Präsident Zuma könnte bei den internen Machtkämpfen sein Amt verlieren. Denn die Partei und ihre Tripartite Alliance aus kommunistischer Partei und Gewerkschafts-Dachverband rücken durch die wirtschaftlichen Probleme immer weiter nach Links. Präsident Zuma selbst gehört dem linken Lager und dem Volk der Zulu an. Durch seine Wahl zum Präsidenten hat er schon eine Abspaltung liberaler Kräfte innerhalb des ANC mit verursacht, welche vor allem von der Ethnie der Xhosa dominiert sind. Doch er verfolgte als Präsident keine sozialistische Linie. Seit Südafrikas Wirtschaftswachstum sich verringert und die sozialen Probleme stärker werden, versucht Zuma stattdessen zunehmend mit liberalen Methoden der Lage Herr zu werden. Dies schafft ihm Feinde bei den linken Gruppierungen und besonders bei den immer radikaler werdenden Gewerkschaften, die selbst zerstritten sind.


Ein langer und steiniger Weg

Anfang der siebziger Jahre begann ihre Geschichte und damit auch das langsame Ende der Apartheid. Mitten in den Jahrzehnten der Rassentrennung gründeten sich die ersten unabhängigen Gewerkschaften der schwarzen Arbeiter. Bis dahin wurden ihre Interessen, wenn überhaupt, nur durch Gewerkschaften der Weißen vertreten. Damit war nun Schluss, doch es sollte ein harter Kampf werden. Streiks endeten in Massenverhaftungen und Gewalt. Der Einfluss der Gewerkschaften jedoch wuchs unaufhörlich an. Ihre Themen begrenzten sich nicht nur auf Arbeitsbedingungen und Tarife. An Verhandlungen des letzteren durften sie bis Ende der Siebziger nicht einmal teilnehmen. Mehr und mehr wurden ihre Forderungen politisch und das passte der Regierung natürlich gar nicht. Jede stärkere Einmischung seitens der Gewerkschaften wurde umso härter bekämpft. Schwarze Gewerkschafter wurden verfolgt, viele verhaftet oder gar umgebracht. Doch das hat den Widerstand nur stärker zusammengeschweißt.

Die Gründung des ersten Dachverbandes der schwarzen Gewerkschaften FOSATU fand 1979 statt. Dieser ging später in dem 1985 gegründeten Dachverband COSATU auf. Der COSATU setzt sich für ein demokratisches Südafrika, frei von Rassismus und Sexismus, ein. Seit dem Ende der Apartheid 1994 und den ersten freien Wahlen ist der COSATU Mitglied der Dreiparteien Allianz und somit Teil der Regierung. Er umfasst heute 21 Einzelgewerkschaften mit rund zwei Millionen Arbeitern. Wichtigste Gewerkschaft im Dachverband war bis zum vergangenen Jahr die NUM, die Gewerkschaft der Minenarbeiter. Sie steht auch der Regierungspartei ANC sehr nahe. Dadurch wird sie mittlerweile der sich immer mehr von der Bevölkerung entfernenden Machtelite des Landes zugerechnet, ebenso wie der COSATU. Doch auch dieser steht weiterhin vor einer Zerreißprobe. Die Gewerkschaft der Metallarbeiter, die NUMSA hat die NUM als mitgliederstärkste Gewerkschaft abgelöst. Jedoch verlor sie den Machtkampf um die Führung des COSATU als im August der von ihr unterstützte Vavi seinen Posten als Generalsekretär räumen musste.


Korruption wächst mit der Macht

Diese Meinung wurde durch einen blutigen Zwischenfall nur noch weiter verstärkt. Hauptakteur war die AMCU. Eine radikale Gewerkschaft, welche sich 1998 von der NUM abspaltete. Sie bezeichnet sich als anti-kommunistisch und ist kein Mitglied des COSATU. Profitiert hat sie immer mehr von der deutlichen Verstrickung des COSATU und einzelner Gewerkschaften mit dem ANC und den Bergbauunternehmen. Im August 2012 organisierte sie einen Streik im Marikana Bergwerk. Absurde Lohnerhöhungen wurden gefordert. Die NUM stellte sich dabei gegen die Forderung und auf die Seite des Betreibers Lonmin. Nicht zuletzt, weil ein ehemaliger NUM-Chef rund neun Prozent an der Mine besitzt und Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten in Südafrika ist. Im Verlauf des Streiks kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen beiden Gewerkschaften, der Polizei und Sicherheitsleuten des Bergwerks. Über 40 Menschen starben. In Folge dessen verlor die NUM weitere Mitglieder an die AMCU. Lonmin erkannte die AMCU im August als offizielle Gewerkschaft an. Tausende wechselten zu den Radikalen. Diese hatten bereits enorme Lohnerhöhungen in anderen Minen durchgesetzt und die Entlassung von zig Tausenden Arbeitern verhindert.

Auf diesen Vorfall folgten Monate voller Streiks in anderen Minen und fast allen Branchen, landesweit. Das Hauptaugenmerk des Auslands sowie der eigenen Regierung liegt jedoch verstärkt auf dem Bergbau. Denn er ist seit jeher Südafrikas größte Quelle für den Export und somit eine der wichtigsten Einnahmequellen. Doch der Staat hat sich zu lange und zu sehr auf diese Quelle fixiert. Aufgrund der gesunkenen Nachfrage nach Rohstoffen brachen vielen Bergbauunternehmen die Gewinne weg. Währenddessen stiegen die Energiepreise. Die Branche konsolidiert. Investitionen in die oft veralteten Minen werden noch getätigt, aber vorsichtiger. Gespart wird in erster Linie natürlich am größten Kostenfaktor, dem Personal. Löhne waren in den Boomjahren gestiegen. Doch sie sind für die harte Arbeit und die oft schlechten Arbeitsbedingungen immer noch niedrig. Schwarze Arbeiter haben zudem oft noch größere Familien zu versorgen. Einige Unternehmen schließen oder verkaufen mittlerweile Minen und konzentrieren sich verstärkt auf das Ausland. Entlassungen treffen Südafrika und seine Arbeiter da äußerst hart. Schon bei offiziellen Zahlen kämpft das Land mit einer Arbeitslosenquote von 25 Prozent. Bei der Jugend sind es über 33 Prozent.


Fronten verhärten sich

Eine andere Möglichkeit als weitere Lohnerhöhungen zu fordern, bleibt den Arbeitern jedoch kaum. Ihnen bleibt immer weniger zum Leben. Denn der Konsum der Bevölkerung wird größtenteils durch Importe gedeckt, deren Preise immer weiter steigen. Zuletzt verschärfte die Abwertung des Rand und die einhergehende Inflation die Situation. Abfließendes Investitionskapital trägt eine Mitschuld an der Abwertung. In gleichem Maße aber auch die wirtschaftliche Lage des Landes und seine inneren politischen Streitereien. Da das Vertrauen in die alteingesessenen Parteien, Verbände und Gewerkschaften immer mehr sinkt, wenden sich die Arbeiter den radikalen Kräften zu, die ihre Position stärker vertreten. Bereits bestehende innere Spaltungen vertiefen sich dadurch weiter.

Der ANC wird innerlich immer weiter zwischen linken und liberalen Kräften zerrissen. Er präsentiert fast nur noch die reiche schwarze Schicht des Landes. Von außen zerren Oppositionsparteien an der inneren Stabilität. Eigentlich fallen gelassene Pläne, wie die Verstaatlichung von Unternehmen, kommen wieder ins Gespräch. Das Bergbauministerium sorgte zuletzt mit dem Plan, Rohstoffe als „strategisch wichtig“ zu deklarieren und Exportpreise zu diktieren, für weitere Unruhe bei den Unternehmen. Der Wirtschaftsstandort Südafrika wird zunehmend gefährdet. Das ausufernde Sozialsystem reißt riesige Löcher in den Staatshaushalt. Denn die sozialen Probleme wachsen weiter und weitere Streiks und sogar Unruhen drohen. Dem regierenden ANC wird immer mehr vorgeworfen, die Apartheid nicht ausreichend bekämpft zu haben. Schwarze verdienen immer noch rund sechsmal weniger als Weiße und haben oft ungleich geringere Chancen auf Wohlstand und Bildung. Einzig eine kleine schwarze Ober- und Mittelschicht konnte sich etablieren.


Schwer angreifbare Macht

Auch den großen Gewerkschaften geht es nicht anders als dem ANC. Doch hier verschiebt sich die Macht nur. Andere gewinnen mehr Einfluss weil der COSATU die Seiten gewechselt hat. Er ist selbst politischer Entscheidungsträger geworden und nicht mehr in der fordernden Position. Seine Führung entfernt sich zunehmend vom Volk, weil sie die Interessen der Regierung vertreten muss. Doch ob radikal oder nicht, die Gewerkschaften bleiben die treibende Kraft bei Wahlen und politischen Entscheidungen. Denn sie präsentieren und mobilisieren die Wähler. Ihre Vertreter sind fast überall in den Unternehmen anzutreffen. Themen wie Bildung, Gesundheit und Sicherheit werden von ihnen beeinflusst. Ihre Befugnisse reichen oft so weit, dass sie in Minen die Förderung stoppen können, wenn die Arbeitssicherheit nicht ausreichend gegeben ist. Tagelange Produktionsausfälle können folgen.

Die Gewerkschaften haben seit ihren Anfängen eine entscheidende Rolle bei der Demokratisierung und sozialen Entwicklung eingenommen. Somit ist die politische Führung von ihnen abhängig. Solange Gewerkschaften wie die AMCU dem Dreierbund aus ANC, Kommunistischer Partei und COSATU nicht wirklich etwas entgegenzusetzen haben und dieser von innen nicht zerbricht, bleiben Gewerkschaften wie die NUM und NUMSA weiterhin mächtig und mit den Unternehmen verbunden. Fraglich nur, wie lange die erstarkenden Gewerkschaften die Interessen der Arbeiter ausreichend vertreten, wenn sie mehr und mehr politische Macht ergreifen. Die Verlockung der Macht wird auch sie korrumpieren, wie sie es bereits mit ANC und COSATU gemacht hat.

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